Oder:
Unter dem Scheitern liegt die Vision
„Wenn ich die Nase aufhabe, dann bin ich so, wie ich wirklich bin. Ich kann mich nicht mehr verstellen.“
Das höre ich mich sagen, nachdem ich das zweite Mal von der Bühne komme, auf der wir uns gerade mit Clownsnase zu zweit begegnen.
Das hört sich seltsam an in meinen Ohren, sehe ich doch mit Nase wirklich nicht mehr wie ich selbst aus. Und dann findet das Ganze ja auch noch vor etlichen Zuschauern statt – eine völlig künstliche Situation.
„So ein Theater!“
Stimmt, das ist das Stichwort: Theater - das Spiel des Lebens auf der Bühne.
Es ist das erste Wochenende im Dezember 2008. Ich habe mich auf die weite Reise nach Niedertaufkirchen begeben, um in einem Clownsworkshop die „Lust“ am Scheitern zu entdecken.
Gescheitert bin ich schon oft, und jetzt ganz besonders schwer und schmerzhaft, da in der Liebe gar nichts mehr geht: alles futsch, und zwar wegen meiner Unfähigkeit.
Soweit bin ich gekommen. Ich bin mir gerade sicher, dass ich nichts mehr tun kann, um meine Liebesbeziehung wieder zum Leben zu erwecken. Sechzehn Jahre Partnerschaft, nichts geht mehr, und ich habe das Gefühl mich nicht auszukennen und das Meiste falsch gemacht zu haben. Das Scheitern ist umso größer, da ich doch in einem Projekt lebe, das sich so sehr den Liebesthemen verschrieben hat (und ich dadurch ja eigentlich schon „weiter“ sein müsste).
Jetzt hier, traurig, weit weg von zu Hause, unter fremden Menschen, stelle ich mich, mit weichen Knien, aber entschlossen, diesem Scheitern.
Am Anfang tanzen wir: erst nach rhythmischer Musik, um unsere Körper aufzuwärmen, dann schließt sich eine Tanzmeditation an, in der wir uns als Schweine, Hunde, Pferde und Bienen durch den Raum bewegen und uns immer wieder in diesen Rollen begegnen.
„Wie albern, so etwas habe ich doch zuletzt als kleines Kind gespielt.“
„Au weia, wie blöd sehe ich wohl als Pferd aus?!“
Als die Biene dran ist, schwebe ich dann aber doch mit lange nicht gespürter Freude an der Leichtigkeit und Süße durch den Raum.Erst am zweiten Tag bekommen wir jeder unsere Nase, ein besonderer Moment:
„Mensch ausatmen, Clown einatmen, und Nase auf!“
Das ist jetzt das Codewort.
Heute tanzen wir als staunende, neugierige, brabbelnde oder boshafte Clowns und dürfen uns dabei auch aneinander ausprobieren.
„ Sehe ich auch so seltsam aus, wie die anderen?“
Nach und nach kommt es auf diese Art von Bewertung nicht mehr so sehr an.
Dann geht es das erste Mal auf die Bühne:
Wir spielen zu zweit eine Begegnung. Den Ort dürfen wir uns aussuchen: Café, Zug, Flugzeug, Fahrstuhl… mal sehen…
Also, erstmal ohne Nase auf die Bühne, Partner suchen, den Ort auswählen, dann sofort losspielen, die anderen schauen zu.
„Das kann ich doch gar nicht!“
Es geht hier nicht um können, sondern um spielen dürfen.
Es geht nicht um ein Konzept, sondern um ausdrücken, was ist.
Es geht los!
Ich mit Peter im Fahrstuhl: Verlegenheit, Schüchternheit, der Fahrstuhl bleibt stecken und wir dürfen/müssen mitten in unserem Spiel die Nasen aufsetzen.
Nase auf, ich schaue ihn an, will sofort intensiv, dass er mich als attraktiv erkennt und möchte seine Aufmerksamkeit für mich. Er möchte mir aber aus dem gläsernen Fahrstuhl heraus die Schönheit der Umgebung zeigen. Ich reagiere, aber nicht auf die Umgebung, sondern fühle meine Schönheit von ihm zurückgewiesen. Ich lege noch einen Zahn zu, in dem Bemühen ihn auf mich aufmerksam zu machen. Er reagiert nicht darauf, wird eher zurückhaltender. Dafür biete ich mich immer drängender an. Am Schluss heule ich herzzerreißend und er steht hilflos in eine Ecke gedrängt.
Applaus für unser Spiel!
„Na, Spieler, wie war es für euch?“
Ich weiß noch gar nicht, was ich fühle – alles kam im Spiel so unmittelbar aus mir heraus.
Wirklich gut fühle ich mich jedoch nicht. Vielleicht von mir überrascht!?
Peter: „Bei mir ist der Funke nicht übergesprungen. Ich habe mich unter Druck gefühlt.
Erst war dein Wollen zu schnell und zu stark, und dann die Resignation und der Rückzug auch.
Kommentar der Trainerin: „Du willst unbedingt, dass der Mann dich bewundert, willst ihn zwingen dazu, setzt ihn unter Druck, auch mit deinem Leiden.“
Oh! Das war doch nur ein Spiel.
Ja, es war ein Spiel, aber der Clown spielt immer nur sich selbst, seine eigenen Schwächen.
Anscheinend geht es hier ans Eingemachte, so intensiv habe ich es mir nicht vorgestellt.
Und: ich will es wissen.
So geht es an diesem Wochenende weiter, als Spielerin auf der Bühne oder als Zuschauerin.
Ich spüre hin, spiele drauflos, schaue genau: das bin anscheinend ich! Diese Vehemenz, oder auch die krasse Schüchternheit im Kontakt. Kann mir anscheinend nicht vorstellen, dass mich jemand einfach so mag, ohne diesen großen Einsatz, den ich oft bringe.
„Wenn du als Frau dem Mann begegnen möchtest, dann hör auf zu agieren! Reagiere!“
Angesichts solcher Kommentare türmen sich in mir die Fragen zu Bergen. Fühle ich hin, ist aber etwas sehr stimmig daran.
„Weiblich ist magnetisch, reaktiv, Raum gebend und geduldig.“
Das könnte ich doch auch ganz anders verstehen, und doch bejaht etwas in mir diese Definition.
Wenn da was dran ist, dann bin ich Männern in den letzten Jahren vorwiegend männlich entgegengetreten: aktiv, fordernd, Impuls gebend und aggressiv. Besonders dem Einen; der, mit dem ich anscheinend gescheitert bin.
Weiß ich eigentlich, wie „weiblich“ ist?
Ich, die kraftvolle Frau mit Bestimmerkraft und „Haaren auf den Zähnen“, die alles schafft und meist auch allein. Ich, die Frau mit den verkrampften Muskeln, ewigen Nackenschmerzen und inzwischen auch einem nicht geheilten Bandscheibenvorfall.
Besonders kompetent fühle ich mich auf dem Gebiet wirklich nicht.
Also fahre ich am Sonntagabend angefüllt mit sehr neuen Eindrücken und nachdenklich wieder nach Hause.
Am nächsten Tag kann ich meinem Noch-Partner das erste Mal ein echtes „es tut mir leid“ anbieten. Seit diesem Wochenende übe ich mich im Lauschen, Entdecken und Erproben meiner „weiblichen Seite“. Tue langsamer, warte ab, atme aus! Manchmal öffnen sich dadurch neue Türen in meiner Welt, mit Männern und auch mit Ihm. In all dem ist das Scheitern, wenn auch noch nicht echt geliebt, mir immer näher gekommen, und ich kann mir inzwischen sogar eine Freundschaft mit diesem großen Teil des Lebens vorstellen.
„Der Clown scheitert, steht wieder auf und macht weiter, er gibt nie auf und weicht nicht zurück.“
Seit diesem einschneidenden Wochenende ist ein Jahr vergangen, und viel ist geschehen. Jetzt, ein Jahr später – Dezember 2009 - bin ich Körpersprache-, Kommunikations- und Persönlichkeitstrainerin nach der Galli-Methode®.
Jene Methode ist mir durch diesen Clownsworkshops begegnet.
Ich meldete mich, völlig inspiriert von dieser Arbeit, im Frühjahr 2009 zu der Ausbildung im Galli-Training-Center in Freiburg an. Geld hatte ich keins dafür übrig, war aber völlig entschlossen, mich nicht von diesem Vorhaben abbringen zu lassen. Wie funktioniert denn so was?
Bei mir geht es so:
Seit mehreren Jahren bin ich in meiner Gemeinschaft diejenige, die unsere Fundraisings moderiert. Das sind Events, an denen wir, während der großen Tagungen, von unseren Gästen Darlehen und Geldgeschenke für unseren Platz bekommen. Auch innerhalb meiner Gemeinschaft bin ich oft die, der es leicht fällt, für Menschen, die Wünsche haben oder etwas brauchen, Geld zu sammeln. Für diese Fähigkeit bekomme ich von einem Freund gesagt: Toll, mit welcher Mühelosigkeit du das so machst! Da höre ich mich antworten: Das ist kein Problem, ist ja nicht für mich selbst.
Damit hatte ich es schon hereingerufen: Ich mache ein Fundraising für mich!
Wow! Angenehm ist mir der Gedanke nicht. Ich brauche einige Wochen und viele Gespräche und Unterstützung von meinen Freundinnen und Freunden, dann bin ich soweit. Ja, ich tue es wirklich: Ich stelle mich hin und bitte um Geldgeschenke!
Zu meinem fünfzigsten Geburtstag Anfang April lade ich alle Menschen hier am Platz ein. Meine vier besten Freundinnen organisieren das Catering. Sogar meine Mutter kommt! Sonntagvormittags stehe ich also zum ersten Mal für mich selbst auf der Bühne.
Ja, es macht mir Freude, da vorne zu stehen und für mich zu bitten, und es rührt mich tief: einen Haufen Geld schenken sie mir, und soviel Freundschaft und Liebe.
Ich empfinde es wie ein Wunder – wieder einmal gemeinsam erzeugt.
So kann ich jetzt meine en bloc Ausbildung im Galli Training Center bezahlen.
Einen Clownsworkshop, den ich dann im Dezember 2009 selber leiten will, habe ich bei meinem Fundraising auch schon verkauft. Also los geht’s!
Im August verbringe ich viereinhalb Wochen in Freiburg und lerne und spiele mit 8-15 anderen Kursteilnehmern zu den Themen Körpersprache, Märchen und Mythen, Clown und die „Sieben Kellerkinder“ (eine spezielle Typenlehre von Galli). Ich tanze jeden Tag fast drei Stunden und stehe jeden Tag auf der Bühne und bin jeden Tag auch Zuschauerin der anderen Spieler.
Lernen durch Tun.
„Nur im Spiel ist der Mensch wirklich.“
Stimmt: ich fühle mich wirklich – in dieser doppelten Bedeutung.
Mit dem Gefühl, noch lange nicht genug zu haben, reise ich am Ende dieser Zeit wieder nach Hause.
Im Dezember 2009 ist es dann soweit: zehn meiner Freunde und meine Tochter versammeln sich an einem Freitagabend in unserer Aula, um sich von mir durch ein Clownswochenende leiten zu lassen.
Für mich ist es ein Fest und Freude, für viele von ihnen ein Geschenk, für das sie schon im April Geld gegeben hatten.
Mir tut diese Arbeit gut, und ich bin voller Anerkennung für Johannes Galli und die Grundlagen, die er und viele andere in über 25 Jahren erarbeitet und aufgebaut haben.
